Kammermusik

Trio Sitkovetsky

4. Kammermusik

FREMDE SZENEN

Mit Ludwig van Beethovens Opus 1 und Wolfgang Rihms Fremden Szenen stehen sich in diesem Konzert klassische und zeitgenössische Kompositionen für Klaviertrio gegenüber. Mehr noch: Haben Beethovens Trios die klassische Form der Gattung geprägt, so verstehen sich Rihms Kompositionen als «Versuche für Klavier-Trio» und ‹posthume› Auseinandersetzung mit dem klassischen Genre.

Als Beethoven 1795 den Erstdruck einer Sammlung von drei Klavier-Trios mit der Opuszahl eins der Öffentlichkeit übergibt, ist die Gattung noch eher eine Sonderform der Klaviersonate. Violine und Violoncello fungieren meist als Beiwerk, das Klavier ist ‹Star› und Mittelpunkt der Formation. Anders ist die Rollenaufteilung in Beethovens Opus 1: Violine und Cello werden hier zu gleichberechtigten Partnern des musikalischen Gesamtgeschehens.

Ein besonders schönes Beispiel dafür liefert der langsame Satz des ersten Trios. Das inspirierte Thema wird hier von den Streichern dialogisierend in Szene gesetzt – auch das Cello kann dabei seine kantablen Vorzüge voll ausspielen. Nicht anders verhält es sich im Andante des c-Moll-Trios.

Gleichzeitig spart Beethoven natürlich nicht an virtuosen Passagen und technischen Finessen für das Klavier; die Finalsätze beider Trios liefern viele eindrucksvolle Momente. Im Verbund mit einer anspruchsvoll viersätzigen Anlage und umfassenden zeitlichen Dimensionen wächst das Klaviertrio so weit über das hausmusikalisch Genrehafte hinaus – ein eindrucksvolles kompositorisches Debüt.

«Fremde Szenen sind Versuche über Klaviertrio, auch: über Klaviertrio, jene möbellastige Besetzung, die es nicht mehr gibt, die aber noch herumsteht. Wie in verlassenen Räumen kann hier Unerlaubtes geschehen. Wir werden Zeugen befremdlicher Szenerien», schreibt Wolfgang Rihm zu seinen drei Szenen, die in den Jahren 1982 bis 1984 entstanden und nacheinander in Salzburg, Düsseldorf und Gelsenkirchen zur Uraufführung kamen. Zunächst als Einzelstücke komponiert, distanzieren sich diese Stücke von der zyklischen Geschlossenheit des klassischen Klaviertrios.

Wolfang Rihm, dessen Leben und Schaffen eng mit seiner Heimatstadt Karlsruhe verbunden ist, zählt heute zu den bekanntesten Komponisten Deutschlands. Sein umfassendes und vielgestaltiges Œuvre wird häufig mit dem Stilbegriff der ‹Neuen Einfachheit› oder auch ‹Neuen Eindeutigkeit› in Verbindung gebracht; es steht für Ausdruckswillen und Emotion, aber auch für Komplexität der musikalischen Strukturen.

Ausgehend von einer leeren Quart im Klavier («gellend» zu spielen) verdichtet sich das Geschehen im ersten Stück allmählich hin zu kleinsten rhythmischen und melodischen Einheiten von sehr unterschiedlicher Dynamik und Form. «Aus kalten Intervallen den heissen Klang suchen. Feuer im Eis» – dieses Motto, das an eine Passage aus Shakespeares Sommernachtstraum erinnert, stellt Rihm dieser ersten Folge der Fremden Szenen voran.

Fremde Szene III wirkt in Teilen zitathaft und verweist zurück auf die Tradition des Klaviertrios. Gleichzeitig erinnert manches an die vorangegangenen Szenen. Im weiteren Verlauf bündelt sich die Energie dieses Stückes in mächtigen Clustern, die der Spielanweisung nach «sehr geräuschhaft» und mit «extremstem Bogendruck» zu spielen sind. Das Stück verklingt leise, und dennoch betonen zwei zarte Pizzicato-Töne des Cellos am Ende die fragmentarische Offenheit. «Als begänne…» notiert Rihm hier in den Noten.

Christian Müller

Konzertprogramm

Wolfgang Rihm *1952
Fremde Szene I (1982) (10’)

Ludwig van Beethoven 1770 – 1827
Klaviertrio Es-Dur op. 1 Nr. 1 (1792 – 1795) (26’)

Wolfgang Rihm *1952
Fremde Szene III (1983/84) (12’)

Ludwig van Beethoven 1770 – 1827
Klaviertrio c-Moll op. 1 Nr. 3 (1794/95) (25’)

Trio Sitkovetsky

Alexander Sitkovetsky Violine
Isang Enders Violoncello
Wu Qian Klavier

Das Trio Sitkovetsky wurde 2007 gegründet. Seitdem hat sich das Ensemble mit sensationellen Darbietungen weltweit als aussergewöhnliches Klaviertrio etabliert. Sein durchdachter und engagierter Ansatz brachte dem Ensemble kritische Anerkennung und führte zu Einladungen in berühmte Konzertsäle wie das Amsterdamer Concertgebouw, die Alte Oper Frankfurt, das Palais des Beaux Arts in Brüssel, das Musée du Louvre, das Auditori Barcelona, die Londoner Wigmore Hall und das Lincoln Center New York. Zu den Highlights aus jüngerer Zeit gehören eine Aufführung des Tripelkonzerts von Ludwig van Beethoven im Berliner Konzerthaus sowie umfassende Tourneen durch die USA, Australien und China. Seit seiner Gründung gewann das Trio Sitkovetsky zahlreiche Preise wie den Philharmonia-Martin Chamber Music Award und den Kirckman Society Award. Das Trio Sitkovetsky hat mehrere CDs – unter anderem mit Werken von Mendelssohn, Smetana, Suk und Dvořák – bei BIS Records veröffentlicht.

Aufführungstermine